Allgemein

Der neuartige Begriff „Entourage-Effekt“ hat sich erst in den letzten Jahren geprägt und steht im direkten Zusammenhang mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Wirkungsweisen und den Effekt von Phytocannabinoiden im Endocannabinoid-System.

Grob gesagt kann man den Entourage-Effekt als ein Zusammenspiel von pflanzlichen Verbindungen im menschlichen Körper bezeichnen.

Demnach besitzen spezielle Pflanzenstoffgemische eine effektivere und höhere Aktivität, um entscheidende Signale über Rezeptoren weiterzutragen.

Erklären lässt sich dies mit Hilfe der Biologie. Der menschliche Körper ist auf Zellen aufgebaut. Zellen bilden nicht nur eine Grundlage für jedes Leben, sie helfen uns auch bei allen täglichen Aktivitäten. Möchten wir zum Beispiel unsere Hand zu einer Faust formen, tragen die Zellen das Signal weiter, bis sie vom Gehirn zu den Muskeln ankommen. Dazu bedarf es den Zellen der Fähigkeit, Signale senden, als auch korrekt empfangen und lesen zu können. Dabei helfen die Rezeptoren.

Im Endocannabinoid-System sind diese Nachrichtenüberbringer die Endocannabinoide (und auch Cannabinoide). Die lesefähigen Rezeptoren bezeichnet man hier in der Regel als CB1- und CB1 – Rezeptoren.

Unbekannter ist vielen hingegen die eigentliche Vielzahl an vorhandenen Rezeptoren im ECS, als dem Endocannabinoid-System. Auch Rezeptoren wie GPR3, GPR5 oder TRPV8 tragen entscheiden Beiträge zur vollen Funktionalität der komplexen Kommunikation aller über einhundertzwanzig Endocannabinoiden bei.

Was ist eigentlich der Entourage-Effekt?

Der Entourage-Effekt rührt aus einer näheren Betrachtung dieser Kommunikationsverläufe unserer Zellensysteme. Wenn man davon ausgeht, dass eine einzelne Komponente nicht genug Kraft besitzt, gewisse Reize hervorzurufen und Nachrichten weiterzuleiten, bedarf es einer Gruppe. Mit dieser Gefolgschaft (= franz.: Entourage) lassen sich dann wiederum  die gewünschten Rezeptoren in Gang bringen.

Ungewöhnlich ist dieser Gedankengang trotz allem. Denn in der Biochemie binden sich Moleküle, sogenannte Ligande, in der Regel spezifisch an ihre Rezeptoren, ohne dass es eine Entourage benötigt.

Der Biochemiker Prof. Dr. David Meiri, von der „Faculty of Biology“ der technischen Universität in Israel hat bei Untersuchungen von Cannabis bei Krebserkrankungen neue Erkenntnisse gewinnen können. Seine Zellforschungen haben ihm gezeigt, dass einzelne Cannabinoide gewisse Krebszellen nicht beeinflussen, also keine Auswirkungen auf ihre Lebensdauer erzielen können.[1] Setzt man mehrere Komponenten zusammen, zeigen sich hingegen gewünschte Effekte. Das ist möglich, weil einzelne Verbindungen über die Rezeptoren als Team fungieren und so genug Kraft entwickeln können, um beispielsweise die oben angesprochenen Krebszellen abzutöten. Ihre Effektivität wird gestärkt.

Dieses Zusammenwirken von Phytocannabinoiden und Terpene und ihre gemeinsamen synergetischen Eigenschaften kann also der sogenannte Entourage-Effekt bezeichnet werden.

Um den Entourage-Effekt in seinem ganzen Umfang verstehen zu können, ist es wichtig, nicht nur zu verstehen, wie Cannabinoide wirken. Es bedarf auch ein grundlegendes Wissen darüber, was man eigentlich unter Terpene versteht und warum diese viel wichtiger für die Cannabis-Pflanzen sind, als lange Zeit angenommen wurde.

Was sind Terpene

Als Terpene bezeichnet man eine heterogene Gruppe von chemischen Verbindungen innerhalb natürlicher Organismen. Sie sind schwer in Wasser, dafür umso besser in Fetten löslich.

In der Cannabispflanze sind Terpene also die organischen Kohlenwasserstoffe, die für den einzigartigen Geschmack und das intensive Geruchsaroma der Blüten und Pflanzen verantwortlich sind. Doch bevor sie überhaupt an der starken Geruchsproduktion arbeiten können, werden sie zunächst, wie stark duftende Öle, in den klebrigen Harzdrüsen der wunderlichen Pflanze produziert. Dort leben sie Seite an Seite mit bekannten Cannabinoiden wie THC, CBD oder auch CBG. 

Genau wie bei den Cannabinoiden, können Wissenschaftler momentan die genaue Anzahl an Terpene innerhalb der Cannabis-Pflanze nur schätzen. Mittlerweile geht man davon aus, dass sie womöglich über zweihundert verschiedene Terpene besitzt. Das Vorkommen der einzelnen Verbindungen schwankt dabei jedoch. So lässt sich auch erklären, warum unterschiedliche Marihuanasorten unterschiedliche, oft einzigartige, Düfte besitzen. Auch für die Art und Weise wie beruhigend oder euphorisierend eine Pflanze beim Konsumenten empfunden wird, sind Terpene mitverantwortlich.

Was sind ihre Aufgaben?

Wie die meisten Cannabinoide, besitzen natürlich auch Terpene weitere Jobs. Die Bandbreite ihrer Aufgabengebiete erstreckt sich vermutlich von der Mitarbeit am Endocannabinoidsystem, über entscheidende Anteilnahme am Wachstumsprozess der Pflanze, bis hin zu therapeutischen Geruchswirkungen beim Menschen –  sprich, die sogenannte Aromatherapie. Auch eine mikrobielle Eigenschaft wird ihnen nachgesagt. Das würde bedeuten, dass sie diverse Infektionskrankheiten oder auch die Verbreitung von Mikroorganismen hemmen könnten.

Inzwischen ist die Forschung so weit, dass sich bereits viele Terpene mit ihren facettenreichen Wirkungsweisen auflisten lassen. Fünf in der Cannabispflanze vorkommende Monoterpene sind Myrcen, Linalool, Limonen Terpinolen und Pinen.

Myrcen

Das vermutlich wichtigste und bekannteste Terpen aus der Cannabispflanze ist Myrcen.  Nimmt man es genau, dann ist Myrcen eigentlich ein Mono-Terpen, also eines mit vereinfachten chemischen Strukturen, auf das andere, weitaus komplexere Terpene aufbauen können.

Es wird in den Drüsenköpfen der Blüten produziert und  findet sich erstaunlicherweise auch noch in weiteren Pflanzen, wie beispielsweise Hopfen, Lorbeerblättern, Kräutern wie Kardamom, Petersilie, Basilikum und Thymian, so wie der Mango. Sein Duft lässt als am ehesten als dominant erdig, moschusartig Beschreiben. Geschmacklich erinnert das Terpen an das intensive süßlich-pfeffrige Aroma von Gewürznelken.

Ab einer Temperatur von 166 – 168° C (330 – 334°F) verdampft Myrcen.

Seine umfangreichen therapeutischen Einsatzgebiete lassen sich höchstwahrscheinlich damit erklären, dass der Stand der Wissenschaft bei Myrcen, dem am besten erforschten Terpen, bereits sehr weit fortgeschritten ist. So konnten wichtige Erkenntnisse aus Studien gewonnen werden die zeigen, dass Terpen schmerzstillende, entzündungshemmende und immunstärkende Wirkungsweisen besitzen kann. Auch diese Wirkungen sind nur möglich, weil sie Myrcen an die Rezeptoren heftet und von dort, zum Beispiel die Anregungen von schmerzlindernden Stoffen in Gang setzt. Außerdem ist Mycren in der Lage, auf die Hirn-Blut-Schranke zu wirken.[2] Diese hilfreiche und selektiv-durchlässige Barriere dient dazu, einen schädlichen Flüssigkeitsaustausch vom Blutkreislauf und dem zentralen Nervensystem zu kontrollieren und zu regulieren.

Auch eine sedierende Wirkung wird Myrcen nachgesagt. Diese Annahme beruht auf der Beobachtung, dass in Indica-Pflanzen das Terpen Myrcen in besonders hoher Konzentration zu finden ist. Diese Indica-Hanfsorte ist außerdem dafür bekannt, eine hohe Konzentration an CBD zu besitzen – das Cannabinoid, welches nicht zuletzt oft als Gegenpol zur THC-Wirkung genutzt wird, um die psychoaktive Wirkung beim Konsumenten abmildern und für mehr Entspannung sorgen zu können.

Linalool

In typischer Terpen-Manier produziert auch das Terpen Linalool einen ganz eigenen Geruch, der den meisten Menschen schon einmal als Lavendel-Aroma in die Nase gestiegen ist. Der betörende Duft, der seine Anziehungskraft übrigens nicht nur auf Menschen beschränkt, sondern auch auf Tiere und Insekten  oft verlockende Wirkung zeigt, kann als frisch und herb zugleich beschrieben werden. Allem Anschein nach besitzt die Cannabispflanze ebenfalls Anteile an Linalool-Terpene.

Auch dieses Terpen findet man in ausgesprochen vielen Kräutern. Dazu zählen Koriander, der gesunde Ingwer, Basilikum, Majoran, Thymian, Safran, Zimt und viele weitere Gewürze. Bei einem so großen Vorkommen in vielen Pflanzen die für eine gesunde und heilende Wirkung bekannt sind, liegt selbstverständlich die Vermutung nahe, dass auch Linalool einen Nutzen  für medizinische Therapien haben könnte. Und tatsächlich wird Linalool in der heutigen Medizin bereits eingesetzt. Studien haben gezeigt, dass es sich als entzündungshemmend erweist.[3] Zusätzlich besitzt es eine  antihyperalgetische und antinozizeptive Wirkung besitzt. Das bedeutet, dass das Terpen entscheidende Signalwege bei der Schmerztherapie beeinflussen kann und die Sensitivität bei Schmerzempfinden abschwächt. Medizinisch anerkannte Produkte mit dieser Wirkung sind beispielsweise Analgetika.

Auch Linalool benutzt dafür die Dockingstationen von Rezeptoren in unserem Körper. In diesem Fall spielen zumindest teilweise die A1- und A2A-Rezeptoren als Aktivitätsvermittler eine Rolle an diesem Prozess.

Sogar eine krampflösende Wirkung sagen dem kleinen Terpen viele Internetseiten nach. Konträr zu dieser Annahme warnen Experten und Wissenschaflter zwar davor, bei Epilepsieerkrankungen Basilikum, mit Linalool als wichtigsten Inhaltsstoff, zu konsumieren, doch Studien an Mäusen zeigen vielversprechende Erkenntnisse über eine erhöhte Latenzzeit von Krämpfen.[4]

Dank diverser Studien lässt sich also sagen, dass Terpene nicht nur die psychoaktive Wirkung der Cannabispflanze verändern und damit das Konsumgefühl beim Konsumenten maßgeblich beeinflussen kann, sondern auch als Brückenbauer für neue Kommunikationswege über unsere Rezeptoren dient.

Der Nutzen des Entourage-Effekts

Um den erfolgreichen Nutzen des Entourage-Effekts zu verstehen, ist es hilfreich, zwischen Entourage-Effekt-Medikamenten und reinen THC-Medikamenten oder auch CBD-Medikamenten zu unterscheiden. Letztere haben besonders durch einen immer häufigeren Einsatz bei schweren onkologischen Erkrankungen wie Krebs an Bekanntheit erlangt.  Die verschreibungspflichtigen Präparate können Patienten dabei behilflich sein, entstehende Übelkeit durch anstrengende Chemotherapien zu behandeln. Tumorleiden können gesenkt werden und ein krankheitsbedingter Appetitverlust wiedergewonnen werden. Wenn einzelne Cannabinoide bereits so ein großes Potenzial zeigen, warum bedarf es also Medikamenten, die mehr als ein Phytocannabinoid innehalten?

Natürlich gibt es auch Nachteile, die reine Cannabinoid-Medikamente mit sich bringen. So setzt beispielsweise die Wirkung von oral eingenommenen THC-Medikamenten oft erst nach einigen Stunden in vollem Umfang ein. Auch die Wirkungsfelder sind oft beschränkt und decken bei weitem nicht alle Bereiche ab, die für eine voll umfassende Therapie nötig sind. Aus diesem Grund ist es auch nicht möglich, Krebs einzig und allein mit diesen Medikamenten zu behandeln.

Entourage-Effekte für den medizinischen Gebrauch

Wie wir bereits wissen, haben Wissenschaftler einer israelischen Universität den Entourage-Effekt in Bezug auf Krebszellen beobachtet. Sie stellten fest, dass es für biochemische Prozesse wichtig ist, ein Augenmerk auf das Zusammenspiel von Cannabinoiden und Terpene zu legen.

Auch andere Forscher haben sich den zahlreichen Möglichkeiten an Zusammensetzungen von Terpenen und Cannabis-Cannabinoiden gewidmet und festgestellt, dass bereits eine geringe Dosis von Terpene die Wirkungsart der Transformationsprodukte entscheidend beeinflussen kann. Zusätzlich wird ihnen nachgesagt, die Kraft zu besitzen, solch wichtige therapeutische Effekte zu besitzen, dass sie für den Entourage-Effekt von cannabisbasierter Medizin essenziell ist.[5] So kann das Terpen Myrcen durch seine sedierende Wirkung bei Schlafstörungen behilflich sein. Es wirkt auf den Konsumenten in richtiger Zusammensetzung beruhigend und entspannt die Muskeln.

Weitere mögliche Krankheitsbilder und Symptome, die von diesem Phänomen abgedeckt werden und profitieren können, sind:

– Entzündungen

– Depressionen

– Epileptische Krampfanfälle / Epilepsie

– Krebs

– Mykosen und bakterielle Infektionen

– Muskelkrämpfe und Verspannungen

– Angstzustände und Suchtleiden

Zusammenspiel einzelner Cannabinoide

Auch ohne Terpene sind Zusammenspiele einzelner Cannabinoide interessante Beobachtungen. Je nach Dosierung ist es verschiedenen Phytocannabinoiden beispielsweise möglich, die Wirkung ihrer Artverwandten zu unterstützen, zu mildern oder sogar komplett zu hemmen. Ein Beispiel für dieses Phänomen findet man bei THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol). Neue Studien haben gezeigt, dass CBD eine gewissen, wenn auch äußerst geringe psychoaktive Wirkung aufweist. Trotz allem achten Pflanzenzüchter immer häufiger darauf, weibliche Hanfpflanzen mit einem möglichst geringen CBD-Wert heranzuziehen, um den THC-Rausch für den Konsumenten zu verändern. Denn obwohl CBD keine direkte Wirkung auf die psychoaktive Eigenschaft von THC aufweist, lässt sich der Effekt anhand der Bindung auf die Rezeptoren erklären. Es wird vermutet, dass CBD dazu imstande ist, THC-typische Eigenschaften über die Rezeptoren neu zu verfassen und damit die psychoaktive Wirkung, die als Nachricht über die Rezeptoren im Endocannabinoid-System weitergeleitet wird, zu modelieren.

Auf eine ähnliche Weise verhält es sich mit CBGV und CBD. Das Cannabidiol besitzt viele wichtige Eigenschaften, die im medizinischen Bereich für diverse Therapieformen von Interesse sind. Das kleine Cannabinoid wirkt angstlösend und entspannend, besitzt anti-epileptische Effekte und kann sogar antioxidativ wirken. Doch ihm fehlt oft die Kraft, sich effektiv an die Rezeptoren anzudocken und von dort seine volle Wirkung zu entfalten. Dabei hilft sein Bruder CBGV (Cannabigerovarin). CBD entstammt der molekularen Quelle CBG (Cannabigerol), mit CBGV als Ausgangschemikalie. CBGV erleichtert CBD den Weg, leichter und effizienter an die Rezeptoren im ECS andocken zu können. Auch dieses Wissen ist immer noch relativ neu, da CBGV in vielen Pflanzen nur in äußerst geringer Menge vorkommt.

Weitere Erkenntnisse

Die ersten Terpene konnte man in ihrer chemischen Struktur nach anfänglichen Schwierigkeiten im Jahr 1884 aufklären. Dem deutschen Chemiker und späteren Chemie-Nobelpreisträger Otto Wallach gelang es, ihre Verbindungen zu identifizieren und eindeutig zu beschreiben.

Heute kennt die Wissenschaft insgesamt über achttausend Terpene und dreitausend Terpenoide. Der Unterschied zu Terpenoiden liegt übrigens darin, dass Terpenoide keine reinen Kohlewasserstoffe sind, sondern Atomgruppen in einer Verbindung darstellen.

Alle Terpene bauen auf dem ungesättigten Wasserstoff Isopren auf.

Fast alle Terpene sind wasserdampfflüchtige Komponenten, was bei ihrer Gewinnung aus der Pflanze von Vorteil ist und durch Verfahren mit Wasserdampfdestillation ausgenutzt werden kann.

Obwohl die biologische Funktionsweise von Terpenen leider immer noch nicht im Ganzen erforscht wurde, weiß man bereits, dass sie sich als umweltfreundliches Insektenbekämpfungsmittel einsetzen lassen und gleichzeitig oft antimikrobiell wirken. Dieses Verhalten passt zu dem natürlichen Schutzmechanismus der Cannabispflanze. Diese besitzt ein Abwehrsystem, das sich auf den Harzdrüsen entwickelt und als Trichome natürliche Fressfeinde und äußere Umwelteinflüsse abwehren kann.

Diese Trichome, die in der Pflanzenwelt in einer Vielzahl zu finden sind, bilden auch die Heimat der Terpene und Cannabinoide.


[1] https://www.youtube.com/watch?v=E7GOAdSX6qg

[2] https://www.sciencedirect.com/topics/agricultural-and-biological-sciences/myrcene

[3] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16343551

[4] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21299105

[5] https://bpspubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/pdf/10.1111/j.1476-5381.2011.01238.x